Die Entscheidungen fallen leichter, wenn man nicht besonders viel z...

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May 30, 2017 17:18 #impbased #mariapetrova
Die Entscheidungen fallen leichter, wenn man nicht besonders viel zu verlieren hat. Oder man ist zumindest der Meinung.

Vor genau einem Jahr ungefähr um fünf Uhr morgens saß ich in der Wartehalle im Belgrader Flughafen und wartete auf meinen Flug nach Moskau. Es war mir glasklar, dass es keine Rolle spielt, ob ich jetzt nach Moskau oder eine andere Stadt hingehe. Es würde für mich keinen Unterschied machen. Man kann mit seinem Leben anstellen, was man will: gehen, wohin man will, arbeiten, kündigen, einen Businessanzug und eine Jahreskarte für öffentliche Verkehrsmitteln oder ein Zelt und ein Flugticket nach Afrika kaufen. Alles, was man will.
Der Traum eines verstörten Büro-Romantikers und ein erstes Blatt der Vorlagen einer Menge von Drehbüchern. Das Wörterbuch nennt es Freiheit, ich nenne es die Situation, wenn man einen nichts und nirgends mehr hält, aber auch niemand und nirgends erwartet.

Und wisst ihr was? Es ist fürchterlich. Stellt euch vor, ihr würdet in eine See rausgeworfen, irgendwo in der Mitte, ihr seid nicht nur keine begnadete Schwimmer, sondern auch unter Schock steht und keinen Plan habt, zu welcher Ufer ihr hinstrampeln solltet.
Klappt es?
Das ist ungefähr so, wie sich die ersten Stunden dieser persönlichen Freiheit in der Realität anfühlen

Man weiß nicht, was damit anzugangen und was überhaupt los ist. Der innere Schweinehund sagt, dass man sich weiter ans Boot, aus dem man gerade herausgeworfen wurde klammern und mit allen Mitteln versuchen musste, die Dinge so zu richten, wie sie früher waren, die Überlebensinstinkt zwingt einen mit den Händen chaotisch auf dem Wasser zu klatschten, der Strand ist unendlich weit entfernt und man hat keine Ahnung, was einen dort erwartet.
In Kürze, es ist unglaublich romantisch.

Ich saß auf einer Sitzbank im Flughafen mit eingefrorenen Wangen und Zehen und zitterte, ob aus Mangel an Schlaf oder wegen einem Spaziergang im Schnee in leichten Turnschuhen bei 12 Grad minus. Es scheinte alles ein bisschen surreal zu sein und das hat mir geholfen. Ich traf eine wichtige Entscheidung - nicht mehr ans Boot zu klammern.
Nie ans Boot zu klammern.

Ein Jahr ist um, ich ließ zwei Jobs hinter mir, zog in eine andere Wohnung, zog in ein anderes Land.
Demnächst muss ich wieder ins Wasser springen, aber zum zweiten Mal ist es nicht mehr so schlimm.

"Nichts zu verlieren" passiert nicht jedem, denke ich.
"Nichts zu verlieren" dauert auch nicht lange. Gar nicht.

Falls ihr einmal aus dem Boot herausfallen solltet, macht bitte einen recht ordentlichen Vorlauf (c).